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Städtische Migrationsgeschichte

Der WeltRaum ist seit 2015 zum wichtigen Anlauf- und Treffpunkt für Geflüchtete im Zentrum der Stadt geworden. Vor 2015 war im WeltRaum der Eine-Welt-Laden, heute haben dort verschiedene Initiativen ihren Sitz: etwa die Refugee Law Clinic, die Geflüchtete in Rechtsfragen berät. Im WeltRaum arbeiten Geflüchtete und Deutsche zusammen, tauschen sich aus, lösen Probleme. Geflüchtete engagieren sich auch selbst – wie Ibrahim Othman aus Syrien, der schon lange im WeltRaum arbeitet, mittlerweile als Hauptamtlicher, und der Mitglied im Migrationsbeirat ist. 

An dieser Station wechseln wir die Perspektive: Rassismus war und ist nicht nur ein Problem von rechtsradikalen Jugendsubkulturen am Rand der (städtischen) Gesellschaft. Rassismus durchzieht die gesamte Stadt: Er prägt den Umgang mit Migrant*innen in den Behörden, begegnet ihnen auf der Straße oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist heute nicht anders als Anfang der neunziger Jahre. Geflüchtete oder Menschen, die in der Asylarbeit engagiert sind, kennen zum Beispiel die Kämpfe mit den Ausländerbehörden, die Anträge nicht bearbeiten oder willkürlich entscheiden. 

Aber seit dem Umbruch hat sich auch Vieles verändert. Es gibt eine gewachsene Zivilgesellschaft, darunter auch Initiativen von Migrant*innen selbst. Das wird allgemein zu wenig wahrgenommen. Ostdeutschland gilt als zivilgesellschaftlich schwach organisiert, Migrant*innen werden vor allem als Opfer von Diskriminierung und Gewalt im „braunen Osten“ gesehen. Deswegen ist wichtig, nicht nur über Angstzonen und Schutzräume zu berichten, sondern auch über Handlungsräume und antirassistisches Engagement. 

Zivilgesellschaftliche Kritik an den Zuständen, innerstädtische Debatten und Kämpfe holten das Thema ins Zentrum der Stadt. Gekämpft wurde in den neunziger Jahren um das Bleiberecht für ehemalige „Vertragsarbeiter*innen“, für eine humane Unterbringung und die Rechte Geflüchteter, gegen rassistische Diskriminierung und Gewalt.

Migrantische Räume in der DDR

Mittlerweile haben über zehn Prozent der Wohnbevölkerung in der Stadt eine Migrationsgeschichte: Jena wird zu einer Einwanderungsstadt.

Zu DDR-Zeiten war das anders. Damals lebten höchstens ein Prozent „Ausländer*innen“ in Jena, die migrantischen Räume waren klein. In der Universitätsstadt studierten schon damals Menschen aus verschiedenen Ländern. Hinzu kamen politische Emigrant*innen aus Chile und, so wurden sie damals bezeichnet, „ausländische Werktätige“ vor allem aus Vietnam, rund 4.000 Menschen, die bei Zeiss, Schott oder Jenapharm arbeiteten; von ihnen finden sich Bilder in Betriebszeitungen. 

Der Glasmacher, Betriebszeitung der Jenaer Glaswerk GmbH, 21. Juli 1982, SCHOTT Archiv

Zwar gab es schon damals Engagierte in der nicht-staatlichen Solidaritätsbewegung, die ein Gespür für migrationspolitische Fragen entwickelten – in Jena etwa im Rahmen der Nicaragua-Solidarität, zu der Franziska Rohner gehörte. 

Allgemein aber tat sich in der DDR eine große Kluft auf zwischen dem Anspruch einer „internationalen Solidarität“ und dem Umgang mit Migration vor Ort. Zum Beispiel wurde das Versprechen auf Ausbildung längst nicht immer eingelöst. „Ausländische Werktätige“ wurden oft für Hilfsarbeiten eingesetzt. Aber auch für Akademiker*innen entwickelte sich das Leben in der DDR manchmal anders als gedacht. Die Geschichte von Sana Al-Mudhaffar ist dafür ein Beispiel.

Habe ich gesagt: Nein! Das ist Ihre Solidarität?

Sana Al-Mudhaffar war als Mitglied des kommunistischen Widerstands gegen Saddam Hussein aus dem Irak geflohen. Zusammen mit ihrem Mann kam sie 1980 in die DDR.

Die Regierung hatte beiden nicht nur eine sichere Zuflucht, sondern auch eine Doktorarbeit in Aussicht gestellt. Sana Al-Mudhaffar ist Wirtschaftswissenschaftlerin, ihr Mann Pharmazeut. Als sie schwanger wurde, erwies sich das Versprechen als hinfällig. Die Berliner Behörden – an der Berliner Hochschule für Ökonomie hatte sie promovieren wollen – sagten ihr, zwar könne sie bleiben, das Kind aber, sobald es geboren sei, müsse das Land verlassen. 

Von einem auf den anderen Moment zerschlugen sich die Pläne für eine Zukunft in der DDR – und das, obwohl Al-Mudhaffar überzeugte Kommunistin war. Noch rückblickend ist sie empört:

Kein Kita-Platz, keine Wohnung, kein Zimmer, kein Aufenthalt. Kein Aufenthalt! Das Kind muss die DDR verlassen! Habe ich gesagt: Nein! Das ist Ihre Solidarität?

Interview mit Sana Al-Mudhaffar am 24.06.2021

O-Ton Sana Al-Mudhaffar

Also beschloss die Familie, das Land wieder zu verlassen. Plötzlich aber reklamierte Jenapharm Al-Mudhaffars Mann für sich: Seine Expertise als Pharmazeut wurde gebraucht. Und plötzlich durfte auch das Kind bleiben. 

1983 zog die Familie hierher, Sana Al-Mudhaffars Mann forschte bei Jenapharm, auch sie selbst bekam Arbeit im Unternehmen. Promovieren sollte sie nie mehr. Nach der Wende aber fand sie wegen ihrer Sprachkenntnisse den Weg in die Asylberatung, arbeitete über Jahre hinweg für die Bürgerinitiative Asyl e. V. und ist heute eine der kenntnisreichsten asyl- und migrationspolitischen Expert*innen in Jena. 

Migration nach 1989/90

Nach 1990 änderte sich die Situation in Ostdeutschland schlagartig und nachhaltig – auch in Jena. Asylsuchende aus verschiedenen Ländern kamen in die Stadt, aus Osteuropa ebenso wie aus afrikanischen Ländern. Russische Spätaussiedler*innen lebten ebenso in der Stadt wie jüdische Kontingentflüchtlinge. 

Die „ausländischen Werktätigen“ aus Vietnam galten rechtlich plötzlich als sogenannte „Werkvertragsarbeitnehmer“ (daher der heute gebräuchliche Begriff „Vertragsarbeiter“). Sie waren von Abschiebung bedroht. Erst 1997 und nach vielen Kämpfen erhielten sie das Bleiberecht. 

Kämpfe ums Bleiberecht ehemaliger »Vertragsarbeiter*innen«

Die Vertragsarbeiter*innen sollten in Deutschland keine Bleibeperspektive haben. Ihr Aufenthaltsstatus wurde ähnlich fragil wie der Status Geflüchteter.

Diejenigen, die blieben, wurden an den Rand der Illegalität gedrängt. Sie hatten eine Interessenvertretung dringend nötig. In Jena nahmen sich die mit einem Deutschen verheiratete Ngan Neumann, die als Studentin in die DDR gekommen war, und Franziska Rohner dieser Gruppe an.  

Im Frühjahr 1992 beschrieb Rohner, die schon zu DDR-Zeiten in der nicht-staatlichen Solidaritätsbewegung aktiv gewesen war, die Situation der Community in der Stadt: Sie war auf unter einhundert Personen geschrumpft. Sie lebten nicht mehr in Wohnheimen, sondern über die Stadt verteilt, trieben Handel mit Zigaretten oder Textilien. 

Die Lebenssituation sei katastrophal, der Handel auf dem Markt „bestimmt durch große Vorsicht und Angst vor Razzien und Anpöbeleien“, wie es in einem Lagebericht Rohners hieß.

Lagebericht „Zur Situation von Vietnamesen in Jena“, Frühjahr 1992, Privatsammlung Franziska Rohner

Als im Rahmen der „Woche des ausländischen Mitbürgers“ die Veranstaltung „Gehen oder Bleiben“ über die Aufenthaltsbedingungen für Vietnames*innen informierte, forderte Ngan Neumann im Namen der Teilnehmenden Anfang Oktober 1992 ein grundsätzliches Bleiberecht. 

Hintergrund war ein Kabinettsbeschluss aus dem September desselben Jahres, der das Bleiberecht bis Ende Januar 1993 befristete.

Ostthüringer Zeitung (OTZ), 30. September 1992

Die Kämpfe um das Bleiberecht der sogenannten „Vertragsarbeiter*innen“ wurden von verschiedenen Akteuren auch auf Landes- wie auf Bundesebene geführt. Erst 1997 waren sie erfolgreich.

Unterschriftensammlung „Dauerhaftes Bleiberecht für ehemalige DDR-Vertragsarbeitnehmer/innen“, Dezember 1995, Privatsammlung Franziska Rohner

Frühe »Nein-zum-Heim«-Debatte 

Ebenso dramatisch war die Situation derjenigen, die Asyl in Ostdeutschland suchten. Entsprechend dem Einigungsvertrag hatten die neuen Länder ein Fünftel der Asylsuchenden aufzunehmen.

Anders als im Westen gab es hier keinerlei Strukturen, keine langjährigen Erfahrungen im Umgang mit Asyl, keine asylpolitische Lobby. Die Übernahme des westdeutschen Asylrechts, das 1993 mit dem Asylkompromiss drastisch eingeschränkt wurde, war ein Experimentieren mit vielen Unbekannten. Das führte zur Überforderung aller Beteiligten und vor allem zu katastrophalen Zuständen in den Erstaufnahmeeinrichtungen und Heimen.

In Jena entbrannte die städtische Kontroverse um die Asylsuchenden und um die Räume, die ihnen zugestanden werden sollten, 1992.

Nein-zum-Heim

Wie Kriminalität und Migration auf stereotype Weise miteinander verknüpft wurden.

Gegen eine Unterbringung auf dem Gelände eines Studentenwohnheims in Zwätzen protestierte nicht nur die Wohnbevölkerung im Viertel. Die frühen „Nein-zum-Heim“-Proteste kamen auch von Studierenden. Als Bürgermeister Dietmar Haroske diese bei einer Veranstaltung über die „neuen Nachbarn“ informieren wollte, traf er nicht auf eine weltoffene junge Generation, sondern auf viel Skepsis und auf Fragen danach, „wie künftig ihre Autos und andere Habseligkeiten gegen Diebstahl versichert seien, wenn Asylbewerber aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Rumänien, Jugoslawien, der Türkei und einigen afrikanischen Staaten […] ihre Nachbarn seien“ . Kriminalität und Migration wurden auf stereotype Weise miteinander verknüpft.

wie künftig ihre Autos und andere Habseligkeiten gegen Diebstahl versichert seien, wenn Asylbewerber aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Rumänien, Jugoslawien, der Türkei und einigen afrikanischen Staaten […] ihre Nachbarn seien

Mit dem Abzug der sowjetischen Truppen im Frühsommer 1992 fand das vermeintliche Problem eine problematische Lösung: Nun wurde die Erstaufnahmeeinrichtung in den ehemaligen Kasernen auf dem Forst eröffnet, abgelegen im Wald. Neonazis schafften es zum Glück nicht dorthin; es gab keine Anschläge. Trotzdem empfanden viele Geflüchtete das Leben in diesem mit Stacheldraht umzäunten Heim als schwer erträglich. 

Die Situation auf dem Forst wurde zum langjährigen Kampfplatz zwischen den politisch Verantwortlichen und zivilgesellschaftlich Engagierten wie dem Verein Asyl e.V., Amnesty International oder der migrantischen Selbstorganisation The Voice

Sie alle setzten sich für bessere Lebensbedingungen, aber auch für grundlegende Rechte ein: für die Abschaffung der Residenzpflicht oder das Recht auf Arbeit. Franziska Rohner schrieb im März 1992 einen offenen und dabei sehr eindringlichen Brief an Bürgermeister Haroske :

Zäune und Mauern, Massenunterkünfte, so abseits wie möglich - wer hat da noch eine Chance zu erkennen und zu erfahren, daß da M e n s c h e n leben?

2001 legten zwei junge Frauen, Dorothea Appenroth und Sylke Zitzmann, die Zustände auf dem Forst in einer Foto-Ausstellung offen.

Fotos der Erstaufnahmeeinrichtung am Forst, 2001, Privatsammlung/Fotos: Dorothea Appenroth, Sylke Zitzmann

Fotos der Erstaufnahmeeinrichtung am Forst

Appenroth und Zitzmann fotografierten den Stacheldraht und die Gitter vor den Fenstern, die abgewohnten Zimmer und lieblos gepackten Verpflegungspakete, die unhygienischen Zustände in den Küchen und die vollen Müllsäcke in den Gängen. 

Sie hielten aber auch die Botschaften an den Wänden fest: Fantasien von einer ungeteilten Welt und immer wieder den Aufkleber „Kein Mensch ist illegal“. 

Die Ausstellung, bei der The Voice, der „Ausländerbeirat“ und der Flüchtlingsrat Projektpartner waren, wurde 2001 im Uni-Hauptgebäude gezeigt und wird in diesem Jahr im Rathaus der Stadt reinstalliert.

Schutzraum Kirche

Vom Forst, wo die Erstaufnahmeeinrichtung für „Asylbewerber*innen“ lag, ins Zentrum der Stadt war es ein weiter Weg – buchstäblich wie im übertragenen Sinne. Ein anderes Beispiel dafür, wie das Thema mitten in die Stadt geholt und dort diskutiert wurde, ist das auch überregional wahrgenommene Kirchenasyl für armenische Christen in der Stadtkirche 1994.

Kirchenasyl 1994

Organisiert wurde das Kirchenasyl in einer Kooperation von evangelischer Landeskirche, Asyl e.V. und dem Eine-Welt-Haus e.V. 

In einer Erklärung aus dem September 1994 verglich der Landeskirchenrat die Aktion mit dem Protest zu DDR-Zeiten:

Wenn aber trotz formaler Legitimität Bürger eine staatliche Entscheidung für ethisch illegitim halten, müssen sie die Möglichkeit haben, sich entsprechend ihrem Gewissen zu verhalten. Dafür tritt die Kirche ebenso ein, wie zur Zeit der DDR.

Im Kirchenraum wurden Zelte aufgeschlagen für mehrere Familien, ein Dixie-Klo stand neben dem Altar. Der religiöse Raum wurde, wie Franziska Rohner im Interview erzählt, zu einem „kleinen Dorf“.

Samvel Babayan, selbst armenischer Christ, der bereits über einen humanitären Aufenthaltstitel und eine Wohnung in Jena verfügte, half seinen Landsleuten. Nachts lotste er sie manchmal zum Duschen in seine Wohnung.

Auch andere Jenaer Bürger*innen kamen vorbei und brachten, was gebraucht wurde: Eine frühe Form städtischer Willkommenskultur. Ein Handzettel erklärte der Bevölkerung die Situation der Menschen in der Kirche:

Erklärung von Mitgliedern der Bürgerinitiative Asyl und Christen der Kirchgemeinden Jena zum Kirchenasyl, Privatsammlung

Das Kirchenasyl war dennoch keine Zäsur, sondern, so charakterisiert es Rohner, ein Ereignis für sich. An der verbreiteten Skepsis, dem Alltagsrassismus, den Diskriminierungen, den Übergriffen von rechts änderte sich kaum etwas.

In dem Maße also, wie die Lebensbedingungen von Migrant*innen sichtbarer wurden, konnten sie auch kritisiert werden. Und in dem Maße, wie migrationspolitische Themen in Jena umstritten, ja umkämpft waren, wurden sie zentraler. 

Dennoch: Migrantische Lebenswelten in der Stadt sind vielen Jenaer Bürger*innen weiterhin unbekannt und unvertraut. 

Migrantische Lebenswelten, die städtischen Auseinandersetzungen um Migration, die Kämpfe gegen Rassismus lassen sich anhand der von uns gefundenen Quellen nur teilweise rekonstruieren. Das Bild bleibt unvollständig und wird sich auch nie ganz zusammensetzen lassen, nicht zuletzt, weil uns Quellen fehlen. Auch heute noch bleibt Rassismus viel zu oft unbemerkt oder undokumentiert – und kann dann auch nicht kritisiert werden. 

Text: Franka Maubach

Zum Weiterlesen:

  • Katja Illgen: Fremd in Thüringen? Vietnamesisches Leben in Deutschland und in Vietnam, hg. vom Ausländerbeauftragten in Thüringen, Erfurt 2007.