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Anstieg rechter Gewalt ab 1990

Dieser Ort ist eine Zwischenstation in räumlicher Nähe zum ehemaligen Standort des Kassablanca am Villengang 2a (heute steht dort ein Seniorenwohnheim). Hier wird der Umgang mit rechter Gewalt in den frühen neunziger Jahr thematisiert. 

Wie an der Station Eichplatz skizziert, hatte die rechte Gewalt der neunziger Jahre eine Vorgeschichte in der DDR. Ab 1990 wurden rechtsradikale Angriffe in der Noch-DDR jedoch zahlreicher und gewalttätiger.  

Für Jena sind für das Jahr 1990 mehrere Angriffe auf Schutzräume junger Menschen dokumentiert, die sich als links verstanden. Die JG Stadtmitte, das Autonome Jugendzentrum in der Karl-Liebknecht-Straße und das soziokulturelle Zentrum Kassablanca, damals noch am Villengang 2a, wurden mehrfach angegriffen, die Räume verwüstet und Mobiliar zerstört.

Wir wussten aber, dass wir nicht die gesamte Fläche verteidigen können.

Zum besetzten Haus in der Karl-Liebknecht-Straße

Das besetzte Haus in der Karl-Liebknecht-Straße war nach dem Einbruch im Mai 1990 unbewohnbar. Die Bewohner*innen mussten für mehrere Monate eine Notunterkunft im Kassablanca beziehen. Zum Schutz vor weiteren Übergriffen lagen dort Holzkeile bereit, um die Türen von innen schnell verbarrikadieren zu können. Ein damals 18-jähriger Bewohner der Karl-Liebknecht-Straße 58 berichtet rückblickend über die Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 in einem Interview für die Website www.zweiteroktober90.de:

Wir hatten uns für den 2. Oktober darauf geeinigt, dass wir ins Kassablanca gehen. Dort haben wir über Funk mit Leuten kommuniziert, die unterwegs waren und geguckt haben, wo welche Ansammlungen waren, wo und wohin welche Gruppen sich wie bewegt haben. Wir wussten aber, dass wir nicht die gesamte Fläche verteidigen können. Wir mussten uns halt darauf beschränken, wichtige Objekte für uns zu erhalten und da niemanden reinzulassen. […]

Ich glaube, die sind nach Jena-Ost und danach ins Kassa oder andersherum, das weiß ich nicht genau. Ich glaube, die kamen danach ins Kassa. Aber das Kassa wurde immer sehr gut verteidigt. Wir hatten ein schönes Foyer, wo die Garderobe war. Da gab es einen großen Schrank so als Abgabe für die Garderobe. Da drin waren halt unsere Knüppel. Sobald Alarm war, sozusagen, da kamen die Leute an der Garderobe vorbei und haben nicht ihre Klamotten geholt, sondern einen Knüppel. Die sind dann raus und haben das erledigt.

Thüringische Landeszeitung (TLZ), 23. Oktober 1990

Angriffsziel waren aber auch Menschen, die im rechtsextremen Weltbild Feindbildern entsprachen. Allein für das Jahr 1991 sind zahlreiche Vorfälle dokumentiert, unter anderem ein bewaffneter rechtsmotivierter Übergriff auf einen vietnamesischen Mann auf dem Jenaer Marktplatz am helllichten Tag.

Thüringische Landeszeitung (TLZ), 15. März 1991

Nicht erst in letzter Zeit mehren sich in Jena Überfälle auf Studenten und ausländische Mitbürger. Begleitet werden sie von einer Unfähigkeit der Polizei

Im März 1991 meldete die Thüringische Landeszeitung (TLZ) den bewaffneten Überfall. Der vietnamesische Mann wurde durch die vier Angreifer verprügelt, mit einem Messerstich am Kopf verletzt und ausgeraubt. Im Juli desselben Jahres vermeldete die TLZ einen Angriff auf einen äthiopischen Studenten am Salvador-Allende-Platz in Lobeda Ost. Beide Männer mussten stationär behandelt werden.

Die Angriffe waren nicht nur durch ihre Brutalität gekennzeichnet, sondern auch dadurch, dass sie an stark frequentierten Plätzen in der Öffentlichkeit erfolgten. Die Angreifer befürchteten offensichtlich kein Eingreifen durch vorbeigehende Passant*innen. 

Der Studentenrat der Friedrich-Schiller-Universität stellte den lokalen Sicherheitsbehörden und der Kommunalverwaltung in einer Pressemitteilung vom Mai 1991 ein schlechtes Zeugnis aus, nachdem zwei seiner Mitglieder in ihren Wohnungen von rechtsradikalen Skinheads überfallen worden waren. Der Studentenrat kritisierte die „Unfähigkeit“ der Polizei, Anzeigen zu bearbeiten und die „Hilflosigkeit“ der Stadtverwaltung, mit rechtsradikaler Gewalt umzugehen.

Nicht erst in letzter Zeit mehren sich in Jena Überfälle auf Studenten und ausländische Mitbürger. Begleitet werden sie von einer Unfähigkeit der Polizei, Anzeigen zu bearbeiten und einer Hilflosigkeit der Stadtverwaltung, mit diesem Problem umzugehen. Die Situation ist mittlerweile so gespannt, daß manche Studenten sich zu bestimmten Tageszeiten nicht mehr durch die Innenstadt zu laufen getrauen. Verständlich, da oft schon allein andere Kleidung Anlaß zum Zuschlagen bilden kann.

Presseerklärung des Studentenrates der FSU Jena, Mai 1991, ThürAZ, Bestand Tilo Schieck, Sg.: P-ST-K-02.03.

Presseerklärung des Studentenrates der FSU Jena, Mai 1991, ThürAZ, Bestand Tilo Schieck, Sg.: P-ST-K-02.03.

Die Wertung des Studentenrates ging davon aus, dass die Opfer der Gewalttaten Anzeige erstatteten, was aber in vielen Fällen aufgrund von Angst oder mangelndem Vertrauen in die Polizei nicht geschah.

Die Polizei war dem massiven Anstieg von Gewalt nicht gewachsen. Die Personalstärke sei nicht ausreichend und Mitarbeitende, die sich in Fortbildung befänden, fehlten für den Dienst, beklagte ein Mitarbeiter der Jenaer Polizeidirektion im Oktober 1991. Betroffene rechter Gewalt berichten, dass Anfang der neunziger Jahre auf die Polizei wenig Verlass war und sie selbst für ihren Schutz sorgen mussten. 

Umgang der Polizei mit Rechtsradikalismus im Zuge der Transformation 1989/90

Den politischen Hintergrund rechtsradikaler Übergriffe blendete die Polizei in den frühen neunziger Jahren oft aus.  Eine Statistik der Jenaer Polizei verzeichnet zwar eine Verfünffachung von Körperverletzungen in Jena zwischen 1989 und 1991, benennt aber keine politischen Hintergründe. 

Auszug aus dem Protokoll einer Sicherheitskonferenz vom 22. Oktober 1991

Wie die Thüringische Landeszeitung (TLZ) im April 1990 beobachtete, legte die Polizei Wert auf die Feststellung, „grundsätzlich keine politischen Differenzierungen vorzunehmen, sondern […] für Ordnung und Sicherheit der Bürger zu sorgen.“ Noch im Mai 1990 zog die Polizei den Straftatbestand „Rowdytum“ heran, der den politischen Hintergrund rechtsradikaler Gewalt verschleierte.

„Rechtsradikale Randalierer trieben ihr Unwesen“, Thüringische Landeszeitung (TLZ), 25. April 1990

Die Gleichsetzung von rechter und linker Gewalt und die damit einhergehende Entpolitisierung und Verharmlosung rechtsradikaler Einstellungen und Handlungen wurde teilweise durch die regionalen Medien reproduziert. In einem Artikel der TLZ im Juni 1990 formulierte der Verfasser: „In unserer Gesellschaft ist es heute möglich, bei gutem Willen, auch Randgruppen zu akzeptieren und zu tolerieren. Um einer Eskalation zwischen „Rechts“ und „Links“ entgegenzuwirken, bedarf es aber von allen Seiten viel Geduld.“

„Radikalismus – Element der Demokratie auch in Jena?“, Thüringische Landeszeitung (TLZ), 27.6.1990

Umgang mit Rechtsradikalismus an Schulen

Durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik und durch die damit einhergehende Aufhebung der zentralistischen Strukturen herrschten nicht nur bei der Polizei, sondern auch an den Schulen Unsicherheit und Unübersichtlichkeit. Die Lehrpläne sollten entideologisiert und inhaltlich neu ausgerichtet, neue Schulfächer eingeführt werden. Im Schuljahr 1990/91 existierten übergangsweise noch die DDR-Schulformen; erst im März 1991 verabschiedete der Thüringer Landtag ein vorläufiges Bildungsgesetz.

Die 1991 eingesetzte Schulleiterin der Rosa-Luxemburg-Schule (später Lobdeburg-Schule) in Alt-Lobeda, Barbara Wrede, berichtet über den Beginn des Schuljahres 1991/92:

Es war echt absolutes Chaos an der Schule. [...] Die Schüler haben wirklich gedacht, die dürften jetzt alles, die große Freiheit hätte begonnen. Also das ging auch disziplinarisch drunter und drüber.

Interview mit Barbara Wrede am 21.07.2021

O-Ton Barbara Wrede

Viele Lehrkräfte waren in der Transformation ab 1989/90 vorrangig mit den strukturellen und inhaltlichen Umbrüchen im Schulwesen befasst. Eine Diskussion über die ansteigende Gewalt und die Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts unter Jugendlichen mit Schüler*innen wurde von manchen Lehrer*innen bewusst aus den Schulen herausgehalten.

Andere Lehrkräfte setzten sich gezielt in Schülerprojekten mit gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen rechtsradikal eingestellten und andersdenkenden Jugendlichen im Alltag auseinander. Ein Beispiel dafür ist Bernd Rönnefarth, der als Musiklehrer an der Integrierten Gesamtschule „Grete Unrein“ 1993 mit Schüler*innen das Musical „East Side Story“ einstudierte.

„East Side Story“, Treffpunkt, 1. Mai 1993

Einforderung sozialer Räume

Rechtsradikal eingestellte Jugendliche verhielten sich auch in Jena im Laufe der frühen neunziger Jahre zunehmend selbstbewusst. 1993 forderten rechte Jugendliche aus dem Jugendzentrum Treffpunkt in Lobeda Ost in einer mitgefilmten Gesprächsrunde die Zuweisung eigener Räume, analog zum Autonomen Jugendzentrum in der Karl-Liebknecht-Straße.

In der Gesprächsrunde zum Thema „Gewalt“ im Jugendzentrum Treffpunkt äußerte einer der teilnehmenden Jugendlichen:

Wenn ich mir zum Beispiel angucke, der Herr Röhlinger, unser starker Bürgermeister von Jena, der tut irgendwelchen linksorientierten Jugendlichen tut er irgendwelche Häuser zur Verfügung stellen, wo die reingehen können. Das hab ich letztens erst wieder erlebt, da wo die dort drin sind, und wir kriegen also als rechtsorientierten Jugendlichen – wenn man das mal so bezeichnen kann – kriegen wir nicht ein Haus.

Das find ich total affig, also jetzt wirklich. Ist aber so, wenn ich mir da angucke, zum Beispiel in Jena Ost, dass da ein Haus gab – oder ob`s das noch gibt – dass dann irgendwelche Fahnen da hängen „Gegen Nazis“ oder so – das ist dermaßen provokativ.

Gesprächsrunde zum Thema "Gewalt" im Jugendzentrum Treffpunkt, 1993.

Die offen fordernde Haltung der Jugendlichen aus dem Treffpunkt spiegelt auf der einen Seite ihr Empfinden, ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft würde hinter ihnen stehen oder ihre Einstellungen teilen. Dazu beigetragen hatten rassistische pogromartige Ausschreitungen wie die in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, die von Teilen der einheimischen Bevölkerung offen unterstützt wurden.

Beigetragen hatte dazu aber auch eine mediale Berichterstattung, die eine Gefahr durch Asylmissbrauch konstruierte und rassistische Ressentiments schürte. Ein Beispiel ist die Titelseite der Spiegel-Ausgabe vom 9. September 1991, die die Metapher vom "vollen Boot" bedient, acht Tage vor Beginn der pogromartigen Ausschreitungen in Hoyerswerda.

Titelseite Spiegel vom 9. September 1991.

Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit unter ostdeutschen Jugendlichen

Dass pauschales Misstrauen gegenüber Migrant*innen nicht nur in der Gesamtbevölkerung, sondern vor allem auch unter ostdeutschen Jugendlichen in der Transformationsgesellschaft verbreitet war, zeigen Studien aus den Jahren 1989 bis 1991.

In einer Studie des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung zu „Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit unter den ostdeutschen Jugendlichen“ in Sachsen, in der 2.794 Schüler*innen, Auszubildende, Studierende und junge Erwerbstätige befragt wurden, gaben nur 56 % der Befragten an, sich „freiwillig neben einen Ausländer setzen“ zu wollen. Nur 32 % gaben an, bereit zu sein, einen „Ausländer“ oder eine „Ausländerin“ zu sich nach Hause einzuladen. Noch weniger Befragte konnten sich vorstellen, eine/n „Ausländer*in“ zu heiraten.

Das „Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt“

Die jugendpolitischen Debatten über Rechtsradikalismus waren in den frühen neunziger Jahren von Verständnis für die ‚entwurzelten‘ Jugendlichen in den neuen Bundesländern geprägt. Nationalismus, Rassismus und daraus resultierende Gewalt wurden verharmlost als Symptome einer „Desintegration“ der Jugendlichen durch die Folgen der Transformation. Das Verständnis für die vermeintlich verunsicherten gewaltbereiten Jugendlichen führte zur Ausblendung der rechtsradikalen Hintergründe und damit zur Entpolitisierung rechter Gewalt.

Für die praktische Arbeit im Rahmen von Jugendhilfemaßnahmen bedeutete dies, den Schwerpunkt nicht auf die Zurückdrängung rechtsradikaler Orientierungen zu setzen, sondern die Jugendlichen bei ihrer Lebensbewältigung zu unterstützen. Diese Leitlinie fand sich im Konzept der „akzeptierenden Jugendarbeit“.

Das Konzept hat seine Ursprünge in der Bundesrepublik der siebziger Jahre im Umgang mit gewalttätigen, später auch mit drogenabhängigen Jugendlichen. In den späten achtziger Jahren wurde es an der Hochschule Bremen von Pädagog*innen um Franz-Josef Krafeld auf die Arbeit mit „Jugendlichen in rechten Jugendcliquen“ übertragen.

Anfang der neunziger Jahre gelangte der Ansatz unter anderem über Fortbildungen in die neuen Bundesländer. Das Konzept vermied es, gegenüber der jugendlichen Zielgruppe „belehren“, „vermitteln“ oder „aufklären“ zu wollen  - auch im Hinblick auf politische Einstellungen.

Unter Leitung von Dr. Angela Merkel erarbeitete das Bundesministerium für Frauen und Jugend 1991 ein Programm, in dem sich die Grundprinzipien der „akzeptierenden Jugendarbeit“ wiederfinden: Das „Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt“ (AgAG). Ab 1992 förderte das Ministerium über das Programm gezielt Projekte mit gewaltbereiten und gewalttätigen Jugendlichen in „Brennpunktregionen“ in den neuen Bundesländern. Im Dezember 1991 kündigte der Bund die Bereitstellung von 20 Millionen DM für eine „zielgruppenorientierte Förderung“ an, um den „extremistischen, fremdenfeindlichen und gewalttätigen Ausschreitungen junger Menschen zu begegnen“

In Thüringen wurden über das Aktionsprogramm Projekte in Eisenach, Erfurt, Jena, Nordhausen und Weimar gefördert. Die Projekte in Jena dockten an drei Standorten an: Am Winzerclub in Winzerla und am Jugendzentrum Treffpunkt in Lobeda Ost, beide in Trägerschaft des Jugendamts, sowie an der Jungen Gemeinde Stadtmitte.

 

Angela Merkel 1992 im Jugendzentrum Treffpunkt in Lobeda 

In Winzerla und Lobeda arbeiteten Straßensozialarbeitende mit rechtsorientierten, aber auch mit rechtsradikalen Jugendlichen. Wenige Monate nach der Eröffnung des Winzerclubs bilanzierte der damalige Leiter Ende 1991, dass es eine „Zunahme von Gewaltproblemen am und im Club“ gebe, dass „immer mehr Skinheads“ als Stammpublikum in den Club kämen und ‚normale‘ Jugendliche verdrängt würden. Streetworker würden die „problematischen“ Jugendlichen begleiten.

Ab November 1991 - Zunahme von Gewaltproblemen am und im Club

Eine Förderung durch das AgAG ab 1992 verstärkte dieses Problem durch die Fokussierung auf die Zielgruppe der rechten Jugendlichen. Für viele andere Jugendliche, die nicht gewalttätig waren oder rechtsradikale Einstellungen vertraten, wurden die Jugendzentren Winzerclub und Treffpunkt zu Angstzonen. Schon das Vorbeigehen konnte zu Angriffen führen und Überwindung kosten.

Ähnlich wie im Winzerclub war die Situation im Treffpunkt in Lobeda Ost, der 1992 von Angela Merkel besucht wurde. Ende 1992 zitierte die TLZ den damaligen Leiter mit dem Statement, es handele sich um ein „Gerücht“, dass der Treffpunkt ein „rechter“ Club sei, in den man als „Nicht-Rechter“ nicht gehen könne. Die Straßensozialarbeit mit rechtsorientierten und rechtsradikalen Jugendlichen dockte jedoch im Treffpunkt an. Der zuständige Mitarbeiter hatte dort sein Büro und die Räume des Clubs konnten von rechtsradikalen Jugendlichen als Aufenthalts- und Treffort genutzt werden.

Zeitgenössische Kritik am „Aktionsprogramm“

Der Fokus auf oft rechte Gewalttäter*innen führte schon kurz nach Bekanntmachung des Aktionsprogramms zum Vorwurf der Vernachlässigung von anderen, vor allem auch migrantischen Jugendlichen und weiteren potentiell von rechter Gewalt Betroffenen. Die zeitgenössische Kritik zielte außerdem darauf, dass das Programm Gewalt sogar begünstige, da die Jugendlichen Aufmerksamkeit erhielten, wenn sie sich gewalttätig verhielten.

Problematisiert wurde auch, dass die Politik Rechtsradikalismus als reines Jugendproblem behandele. Dies verharmlose das Problem, schiebe es in den Bereich der Jugendarbeit und lenke damit von gesamtgesellschaftlichen und institutionellen Ursachen für Rechtsradikalismus ab.

Der „akzeptierende“ Ansatz – Nährboden für die Entstehung des NSU-Komplexes

Der „akzeptierende“ Ansatz, der Cliquenbildung hinnahm und soziale Räume zur Verfügung stellte, ermöglichte rechten Jugendlichen die Vernetzung mit Gleichgesinnten. In Jena bewirkte er, dass die späteren Rechtsterroristen des NSU und ihre Mitstreiter*innen sich zunächst ungehindert in den Jugendzentren Winzerclub und Treffpunkt bewegen und vernetzen konnten. 
 

Begleitung rechter Jugendlicher

Da einige der neu eingesetzten Straßensozialarbeitenden – auch in Jena – ursprünglich aus der Offenen Jugendarbeit in der Evangelischen Kirche kamen, flossen auch die Prinzipien der Offenen Arbeit in die Begleitung rechter Jugendlicher ein.

Zusätzlich orientierten sich die Streetworker am neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz, das eine soziale Integration benachteiligter junger Menschen als Ziel der Jugendsozialarbeit festlegte. 
 

Die Streetworker nahmen die rechten Jugendlichen an, auch wenn sie selbst Rechtsradikalismus und Gewalt ablehnten. Sie wollten zu ihnen Vertrauen aufbauen, um dann Veränderungen in ihren Einstellungen und ihrem Verhalten bewirken zu können. Es ging ihnen – analog zum Ansatz der „akzeptierenden“ Jugendarbeit – darum, die Probleme der Jugendlichen gemeinsam mit ihnen zu bearbeiten. Die Probleme, die sie anderen bereiteten, traten dabei in den Hintergrund.

Jeder Jugendliche hat das Recht, Fehler zu machen und Scheiße zu bauen.

Thomas Grund , der sich seit 1971 in der Offenen Arbeit der Jungen Gemeinde Stadtmitte engagiert hatte und ab März 1991 in Winzerla als Straßensozialarbeiter angestellt war, formulierte 2002 in einem Beitrag zur Offenen Arbeit in Jena:

Ohne Annahme des Jugendlichen, so wie er ist, geht nichts weiter, dies ist die Grundvoraussetzung zum Entwickeln von tragfähigen Beziehungen mit nicht ständig wechselnden Bezugspersonen. Nur damit sind langfristige Arbeitserfolge zu erzielen. […]

Ohne Kontinuität kann sich kein Vertrauensverhältnis entwickeln. Und ohne Vertrauen ist außer oberflächlicher Freizeitgestaltung überhaupt nichts weiter möglich – aber dazu brauchen uns die Jugendlichen nicht, das können sie selbst schon. […]

Annahme bedeutet ja nicht: machen lassen, sondern, den Menschen erst einmal so annehmen, wie er ist, mit seinen Fehlern. Und jeder Jugendliche hat das Recht, Fehler zu machen und Scheiße zu bauen.

Grund, Thomas: Jena: 30 Jahre Offene Arbeit, in: Eisert-Bagemihl, Lars/ Kleinert, Ulfried (Hg.): Zwischen sozialer Bewegung und kirchlichem Arbeitsfeld. Annäherungen an die Offene Jugend(-)Arbeit, Leipzig 2002, S. 160.

Ein weiterer Straßensozialarbeiter, der ebenfalls in Jena mit rechtsorientierten und rechtsradikalen gewalttätigen Jugendlichen arbeitete, beschrieb seinen Ansatz rückblickend folgendermaßen:

Ich glaube, dass immer erst der Disput notwendig ist […]. Also, ich muss mich mit denen auseinandersetzen, das ist die einzige Chance, Veränderung hervorzurufen. Indem ich sie irgendwo rausdränge und sage: Für euch ist hier zu, dann machen sie außerhalb weiter. Dann kriegen sie nur noch mehr Zulauf. Ich muss argumentativ besser sein, um die Leute zu überzeugen, dass das nicht attraktiv ist, das Umfeld […].

[…] Es ging eher darum, die Probleme zu bewältigen, die sie hatten, um eine Veränderung hervorzurufen. Das ist, glaube ich, die Methode gewesen, ja. Also, erst, wenn ich jemanden in seiner Persönlichkeit stärken kann, in seinem sozialen Wirken stärken kann, dann muss er nicht mehr mit der B-Jacke Omas erschrecken. Das ist so, der hat’s dann nicht mehr nötig.

Hintergrundgespräch am 12.03.2021

Das Ziel, Veränderungen zu erreichen, basierte auf der angenommenen Voraussetzung, dass die Jugendlichen zugänglich für sozialpädagogische Maßnahmen waren. Die Sozialarbeitenden sahen sich in diesem Sinne als „Sozialisationshelfer*innen“. Sie gingen davon aus, dass rechte Jugendliche in die Gesellschaft reintegriert werden könnten, wenn ihnen alternative Weltanschauungen und Handlungsweisen vorgelebt würden.

Die rechtsorientierten Einstellungen wurden dabei als Symptome von vermeintlich zugrundeliegenden sozialen und ökonomischen Problemen der Jugendlichen wahrgenommen.

Die waren von Anfang an dabei

Der Ansatz, allein über Vertrauensbeziehungen zu den Jugendlichen und durch das Vorleben weltanschaulicher Alternativen Veränderungen hervorzurufen, scheiterte bei Jugendlichen, die in ihren rechtsradikalen Einstellungen gefestigt waren und sich teilweise überhaupt nicht auf Gespräche mit den Sozialarbeiter*innen einließen. Dies geht aus dem Rückblick eines ehemaligen Mitarbeiters des Winzerclubs auf das Jahr 1991 hervor, der das Beispiel des NSU-Kerntrios heranzieht:

Die sind weder in der Clubmannschaft gewesen, noch waren die mit uns im Gespräch. Die haben sich immer schön distanziert, die waren aber regelmäßig da. Die haben also diesen Laden schon genutzt, ja. Haben sich aber mit uns, und gerade Mundlos, Böhnhardt und so weiter, die haben mit uns nicht gesprochen. Frau Zschäpe hat sich damals auch schon radikalisiert, oder radikalisiert weiß ich nicht, die hat sich auch rausgehalten, weil sie mit den blöden Sozialarbeitern und so – nee, das war ganz klar: Das sind alles linke Socken, mit denen kann man ja nicht reden. […] 

Die waren von Anfang an dabei, wo der Club eröffnet wurde. Ja, also sie waren immer dabei, sie waren immer Zaungäste und haben aber eigentlich nur immer sozusagen drauf geachtet, dass sie von dem Publikum Leute abgreifen […]. Die kamen aus Winzerla, das gehörte auch… denen gehörte auch ein Stück weit dieser Laden, weil sie auch Platzgruppe waren.

Hintergrundgespräch am 12.03.2021

Nur die Nichteinhaltung der Hausregeln, darunter das Verbot, offensichtlich rechtsextreme Propaganda zu verbreiten, führte zur Verweigerung des Einlasses in die Jugendclubs oder zum Hausverbot:

[…] Da waren welche dabei von der Sorte bis hin zu Böhnhardt, Mundlos & Co. Ja, die zum Teil leicht kriminelle Tendenzen aufwiesen, die zum Teil extrem politisiert rumgerannt sind, die haben wir rausgeschmissen, es gab Regeln im Haus. So, und eine Regel hieß: Politischen Kram – raus. Wenn du mit irgendwelchem Zeug auf den Klamotten rumgerannt bist, kannste draußen bleiben, ja.

Hintergrundgespräch am 12.03.2021

Diese Einschränkungen führten nicht zu einer Veränderung des Klientels. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erhielten zwar 1993 Hausverbot im Winzerclub; 1995/96 konnte aber eine Rechtsrockband namens „Vergeltung“ im Winzerclub proben und Ralf Wohlleben 1996 seinen Geburtstag dort mit Gleichgesinnten feiern.

Bis heute wirkt die Kontroverse darum, wer im Bereich der Jugendpolitik und der Jugendarbeit welche Verantwortung trägt, nach. Vor allem Straßensozialarbeitende, die direkt mit rechtsradikalen Jugendlichen konfrontiert waren, stehen in der Kritik. Sie selbst gehen jedoch häufig, auch hier in Jena, davon aus, dass sie Mitläufer*innen und Sympathisant*innen vor dem tieferen Einstieg in die rechte Szene bewahren konnten. 

Die „akzeptierende Jugendarbeit“ muss letztlich als mitverantwortlich für die Entstehung des NSU-Komplexes bewertet werden. Allerdings darf der Blick auf die Verantwortung der Jugendpolitik und der sozialen Arbeit nicht dazu führen, dass andere gesellschaftliche Entstehungsfaktoren und Verantwortlichkeiten ausgeblendet werden. 

Text: Katharina Kempken

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