Eichplatz Eichplatz

Der Eichplatz ist der zentrale Platz in Jena, das war er auch in den 1980er Jahren. Der Eichplatz hieß zu DDR-Zeiten „Platz der Kosmonauten“. Es gab einen Brunnen, den Orchideenbrunnen und im Fuß des damaligen Uni-Turms – heute JenTower – das Café Orchidee.

Orchideenbrunnen auf dem Platz der Kosmonauten

Der Orchideenbrunnen war zum Spielen für Kinder beliebt, aber auch bei Jugendlichen als Treffpunkt. An der Jungen Gemeinde ging es bereits um die jugendlichen Subkulturen in der DDR. Diese breiteten sich in den 1980er Jahren immer weiter aus und ihre Angehörigen trafen sich auch hier am Brunnen und auf den Bänken. 

Um jugendliche Subkulturen geht es auch an dieser Station. Insbesondere wird der Umgang der DDR-Sicherheitsbehörden mit der rechten Skinhead-Szene thematisiert.

Die Sozialistische Einheitspartei (SED), die Staatspartei der DDR, hatte die Vorstellung von der Erziehung der Jugend zu „sozialistischen Persönlichkeiten.“ Abweichende Meinungen und Haltungen, aber auch abweichendes Aussehen galten als „antisozialistisch“ und wurden abgelehnt. 

Alternative Jugendkulturen in den 1980er Jahren

Gegen das Ziel der „sozialistischen Persönlichkeit“ verstießen vor allem tatsächliche oder vermeintliche westliche Einflüsse. Wer einer Jugendkultur angehörte, versuchte diesem verordneten und erwarteten Konformismus zu entkommen. Das musste jedoch nicht mit einer ausgeprägten systemoppositionellen Haltung einhergehen. Gerade zu Anfang und auch noch im Verlauf der achtziger Jahre verliefen die subkulturellen Varianten quer zu politischen Zuordnungen. So mussten Skins nicht automatisch rechts, Punks nicht automatisch links sein.

Abweichungen stellten jedoch Provokationen dar. So boten auch rechte Orientierungen eine verlockende Möglichkeit, Protest auszudrücken. Fußballstadien waren schon länger Orte dafür. In Fankurven gab es z.B. antisemitische Sprechchöre und an Spieltagen in den Städten auch Übergriffe durch rechte Hooligans. Auch hier auf dem Eichplatz konnte es zu DDR-Zeiten zu Angriffen auf Punks kommen, wenn der FC Carl Zeiss Jena spielte.

Wie reagierte man nun staatlicherseits, vor allem seitens der Sicherheitsorgane, auf die Anwesenheit rechter Skinheads? Für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war bei der Beobachtung aller alternativen Jugendkulturen entscheidend, dass sie sich der vorgegebenen Disziplin und der verordneten Freizeitgestaltung entzogen. Die folgende Übersicht stammt vom MfS in Weimar: Alle abweichenden Jugendkulturen werden darin von der Stasi als „negativ-dekadente Jugendliche“ zusammengefasst.

"Übersicht über die Erscheinungsformen negativ-dekadenter Jugendlicher in der DDR"

Die Skinheads stellten für das MfS lediglich eine weitere dieser abweichenden „negativ-dekadenten“ Subkulturen dar. Welche Einstellungen die Jugendlichen tatsächlich vertraten, war nebensächlich. Straftaten von Skinheads wurden in der Regel entpolitisiert und schlicht als „Jugendgewalt“ und „Rowdytum“ bezeichnet. Ohnehin lag die Punk-Szene lange im Hauptfokus der staatlichen Repression. Rechte Skinheads hatten in den Augen vieler DDR-Bürger*innen ein gepflegtes Erscheinungsbild und galten als arbeitsam – das wertete sie auch bei der Staatssicherheit gegenüber den Punks auf.

Eine Änderung des staatlichen Umgangs mit Neonazis in der DDR markiert der Oktober 1987. In Ostberlin fand in der Zionskirche ein Punk-Konzert statt. Hier wird wieder deutlich, wie wichtig kirchliche Räume für die DDR-Opposition und für unangepasste Jugendkulturen waren. Das Konzert wurde von Skinheads aus Ost- und Westberlin angegriffen, die Täter konnten danach festgenommen werden. Nachdem die Westberliner Presse darüber berichtete, konnte der Vorfall auch von der DDR-Öffentlichkeit nicht länger ferngehalten werden. 

Die Reaktion der DDR-Justiz war hart, die Täter bekamen lange Gefängnisstrafen. Dieser Angriff in der Zionskirche markierte eine neue Strategie des Staates im Umgang mit rechter Gewalt: Harte Strafen zur Abschreckung. Eine gesellschaftliche Diskussion, mit einer gesellschaftlichen Selbstbefragung, wo rechte Jugendliche in einem eigentlich „antifaschistischen Staat“ herkommen könnten, blieb jedoch aus. 

Auch das MfS ging weiterhin davon aus, dass die „Skinhead-Ideologie“, wie sie genannt wurde, aus dem Westen „importiert“ war. Die Skinheads gerieten nach dem Zionskirchen-Überfall deutlich stärker in den Fokus der Sicherheitsbehörden. So erging aus der Stasi-Zentrale in Berlin die Anweisung an alle DDR-Bezirke, über die Skinheads zu berichten. Für den Bezirk Gera (zu dem Jena gehörte) lässt sich dieser staatliche Umgang mit der rechtsradikalen Szene auch auf lokaler Ebene nachzeichnen. Hierfür wurden Quellen des MfS, Berichte der Volkspolizei und der Staatsanwaltschaft ausgewertet.

Neonazis in Jena bis 1988

Schon aus dem Jahr 1978 gibt es in den Akten der Volkspolizei Berichte über Schulen und Internate in Jena, an denen „die Verbreitung faschistischen Gedankenguts“ festzustellen sei. Beispielhaft werden unter anderem Schüler genannt, die sich mit „Heil Hitler“ grüßen. Als Gründe dafür werden die „ständige ideologische Beeinflussung durch westliche Massenmedien […] und sich daraus ergebende Nachahmung von Unkultur und Lebensweise“ und „Kontakte mit Bürgern aus dem NSW“ (=nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet) angegeben. 

Aus dem Jahr 1979 gibt es einen Volkspolizei-Bericht über rechte Fans bei Spielen des FC Carl Zeiss Jena. Die dokumentierten Sprechchöre richteten sich gegen die Sowjetunion und die in der DDR stationierte Rote Armee . Diese Quelle ist ein weiterer Ausdruck, dass man in den Reihen der Sicherheitsbehörden schon weit vor dem Zionskirchen-Angriff 1987 von der Existenz rechter Einstellungen unter jungen Menschen wusste.

In den Quellen ist ebenso klar zu sehen, wie alle vom Ministerium für Staatssicherheit als „negativ-dekadent“ bezeichneten Jugendlichen als gleich gefährlich eingestuft wurden. Man kann den Quellen aber auch entnehmen, wie Skinheads nach dem Übergriff in der Berliner Zionskirche 1987 deutlich stärker in den Fokus gerieten.

Für das Jahr 1988 dokumentierte das MfS für Jena die Existenz einer organisierten Skinhead-Gruppe in Lobeda. Außerdem berichtete die Stasi, dass rassistische Einstellungen unter Jugendlichen in Lobeda allgemein weit verbreitet wären.

Die dokumentierten Vorfälle nehmen laut den Quellen im Jahr 1989 immer mehr zu. Für Jena existieren Aufzeichnungen über rassistische Beleidigungen von Mitschüler*innen , die Bedrängung und rassistische Beleidigung einer Schulgruppe aus Frankreich im Bahnhof Jena West durch Skinhead-Hooligans und Einschüchterungen durch Skinheads vor einem Studierendenwohnheim in Lobeda . In den Quellen taucht außerdem auch der „Platz der Kosmonauten“, also der Eichplatz, als Treffpunkt auf.

Analyse des Rechtsradikalismus in der DDR-Opposition

In der breiten Gesellschaft gab es Ende der 1980er Jahre nach wie vor keine kritische Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalismus. In Oppositionskreisen jedoch nahm man das Problem wahr. Der Filmemacher und spätere Bündnis 90-Politiker Konrad Weiß verfasste im März 1989 den Text „Die neue alte Gefahr – Junge Faschisten in der DDR“. Er erschien zuerst in der Untergrund-Zeitschrift Kontext und wurde daraufhin auch in kirchlichen Zeitschriften abgedruckt. In Jena, z. B. in der Jungen Gemeinde, wurde er dadurch ebenfalls gelesen. 

Dieser Beitrag war die erste öffentliche Analyse des Rechtsradikalismus im SED-Staat. Darin fragt Konrad Weiß auch nach den gesellschaftlichen Ursachen, anstatt die Ideologie durch einen „Import“ aus dem Westen zu erklären.

Er stellt in dem Text fest: „Diese jungen Faschisten sind das Produkt unserer Gesellschaft; es sind unsere Kinder. […] Das Bemühen des Staates, den neuen Faschismus einzudämmen, erscheint hilflos und wenig wirkungsvoll: Gegengewalt wird anscheinend als Allheilmittel angesehen.“ Konrad Weiß hatte dafür noch keine aussagekräftigen empirischen Studien zur Verfügung. Seine Thesen wurden aber ab 1990 durch sozialwissenschaftliche Studien bestätigt.

Zusammenfassend kann festgehalten werden: Schon vor dem Fall der Mauer gab es organisierte Neonazis in Jena. Der heutige Eichplatz war offenbar ein Treffpunkt, wenn auch nicht der einzige. Bei den Angriffen, die sich auch hier ereigneten, konnte der Platz der Kosmonauten jedoch zu einer Angstzone werden. Die Frage, woher rechtes Gedankengut, die Einstellungen und auch Gewalt kamen und kommen, wurde mit Ausnahme von Oppositionskreisen nicht ehrlich gestellt.

Schon in den achtziger Jahren schlossen sich immer mehr Punks den Skinheads an; dieser Trend verstärkte sich mit dem Ende der DDR. Auch rechte Gewalt wurde in den 1990er Jahren offener und brutaler verübt. Die Gewalt der „Baseballschlägerjahre“ wird oft mit den Unsicherheiten des Umbruchs ab 1989/90 begründet. Junge Leute wären deswegen zu Skins und Neonazis geworden, weil sich so viel auf einmal änderte.

Plausibler ist es jedoch, den Rechtsradikalismus der 1990er Jahre zusätzlich auch als eine Kontinuität aus der DDR in das vereinigte Deutschland zu erklären. Es gab schon zu DDR-Zeiten einen relevanten Bevölkerungsanteil, der rechte und rassistische Einstellungen vertrat. Das Phänomen existierte bereits vorher und verstärkte sich im Zuge des Systemwechsels.

Die zweite Kontinuität liegt im Umgang mit rechter Gewalt. Auch noch in den 1990er Jahren wurde rechte Gewalt häufig als reines „Jugendproblem“ abgetan, den neonazistischen Jugendlichen sogar mit Empathie und Verständnis begegnet. Dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handeln könnte, wollten die Wenigsten sehen. Die Einstellungen der breiten Bevölkerung, die die radikalen Einstellungen mittrugen, wurden nicht genügend diskutiert.

Wie auch in der DDR standen die Opfer von Angriffen in den 1990er Jahren in der Regel nicht im Fokus, sondern eher die Täter. Um diese Schieflage und den Versuch ihrer Korrektur geht es an weiteren Stationen des Rundgangs.

Text: Raphael Bergmann