Theatervorplatz Theatervorplatz

Im September 1997 fanden spielende Kinder auf dem Vorplatz des Jenaer Theaterhauses einen Koffer, der mit einem Hakenkreuz bemalt worden war. Die Polizei glaubte zunächst, es handele sich um ein Theater-Requisit. Doch bald stellte sich heraus: Der Koffer war eine Bombenattrappe. Er enthielt keinen Zünder, aber einige Gramm TNT-Sprengstoff. Die Staatsanwaltschaft Gera ermittelte in der Folge gegen insgesamt sechs Rechtsradikale, darunter Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, die später das „Kerntrio“ des NSU bildeten.

Die Geschehnisse am Theaterplatz verdeutlichen, wie schnell der Übergang von rassistischer und rechtsradikaler Gesinnung hin zu aktivem Terrorismus ablaufen kann. Zugleich zeigen sie, dass die Gewalt nicht aus dem Nichts entsteht, sondern immer einen Kontext und eine Vorgeschichte hat. Wer waren die Täter*innen? Nach welchen Kriterien, welchen Motiven suchten sie sich die Ziele für ihre öffentlichkeitswirksamen Anschläge aus? Und wie reagierten die Polizei, die Behörden und die Bevölkerung?

Die Biografien des Kerntrios

Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben und weitere spätere Mitglieder und Unterstützer*innen des NSU wuchsen in Jena auf. Schon während der DDR-Zeit waren sie in verschiedenen alternativen Jugendszenen unterwegs, insbesondere in der rechten Skinhead-Szene, bei den sogenannten „Naziskins“. Diese Szene wuchs Ende der 1980er Jahre: Im Jahr 1988 zählte die Stasi in Thüringen bereits über 100 Skinheads, wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte.

Zudem stellten die Sicherheitsbehörden einen Anstieg von Brutalität sowie eine zunehmende „Verherrlichung und Nachahmung faschistischer Symbole und Organisationsstrukturen“ in der Öffentlichkeit fest. Zwischen März und Juni 1989 vermerkte die Stasi im Bezirk Gera, zu dem auch Jena gehörte, mehrfach „außergewöhnliche Vorkommnisse neofaschistischen Inhalts“ an Schulen, vorrangig unter Schülern der 8. und 9. Klassen. Von offizieller Seite wurden Probleme mit Neonazis in der DDR jedoch immer geleugnet: Die Behörden und die Medien stellten sie vielmehr als unpolitische „Rowdys“ dar.

Ein ehemaliger Lehrer von Uwe Mundlos beschreibt, dass dessen Radikalisierung ab der 8. Klasse trotz kurzgeschorenen Haaren, Springerstiefeln und häufiger Provokationen an den Lehrkräften vorbeiging. Er habe sich im Unterricht stets „darum bemüht, die Politik […] rauszuhalten“ und auch die Entwicklung Uwes „nur am Rande mitgekriegt“, so der Lehrer. Was die Schüler in ihrer Freizeit taten, sei schließlich deren „Privatsache“ gewesen.

Ab 1990 genoss die rechte Szene neue Freiheiten. Rechte Zeitschriften und Szene-Texte wurden nun für das spätere Kerntrio zugänglich, ebenso Musik von westdeutschen Nazibands wie Noie Werte, aber auch von der 1991 gegründeten Band Landser, deren Wurzeln in Ost-Berlin liegen. Der 1991 eröffnete Winzerclub in Jena-Winzerla wurde zum Treffpunkt der rechten Szene: Ein Freiraum für jugendliche Neonazis, die zugleich die Umgebung des Clubs zur Angstzone für Migrant*innen und Linke machten.

Uwe Mundlos (Mitte) bei der Eröffnung des Winzerclubs, September 1991, Privatsammlung/ Foto Frank Döbert

Kurze Zeit später wurden Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Mitglieder der Kameradschaft Jena. Diese gehörte ab 1996 zum Thüringer Heimatschutz (THS), einem Netzwerk rechtsradikaler und militanter Gruppen mit ca. 170 Mitgliedern (Stand 2001), in dem offen über die „Gewaltfrage“ diskutiert wurde. 

Zugleich stellte der THS das Bindeglied zwischen den örtlichen, informellen Kameradschaften, der NPD und der bundesweiten Neonazi-Szene dar. Das Trio begann Diebstähle zu begehen und Waffen zu sammeln, weshalb in den 1990er Jahren mehrfach gegen sie ermittelt wurde. Zur selben Zeit begann in Jena und Umgebung eine ganze Serie rechter „Aktionen“. 

Torsten Hahnel war damals Mitglied der Punk-Szene, arbeitet heute für Miteinander e.V. in Halle und beschreibt die Situation im Interview so:

Es gab Jugendclubs, in denen Nazibands proben konnten, in denen sie irgendwie ihre Strukturen ausbauen konnten, in denen sie ihre Dominanz irgendwie ausbauen konnten und, und, und. Alles ist in der Zeit passiert, und was nicht passiert ist, war die Frage: Wie geht’s denn eigentlich den Betroffenen?

Interview mit Torsten Hahnel am 25.11.2020

O-Ton Torsten Hahnel

Der Fund der Bombenattrappe war kein Einzelfall. Seit 1990 stieg die Zahl rechtsterroristisch motivierter Anschläge und Gewalttaten in Thüringen sprunghaft an. Das Landesamt für Verfassungsschutz verzeichnete 1994 im „rechten Spektrum“ in Thüringen 477 Straftaten, zwei Jahre später waren es bereits 939. Im Jahr 1997, als auf dem Theaterplatz die Bombenattrappe lag, wurden 1.206 Straftaten erfasst. Die Dunkelziffer könnte noch deutlich höher gewesen sein.

Hintergrund: Die rechte Szene in den 1990er Jahren

Im August 1992 fand in Rudolstadt, 40 Kilometer südwestlich von Jena, ein „Rudolf-Heß-Gedächtnismarsch“ statt. Das Ereignis wirft ein Schlaglicht auf die rechte Szene in den 1990er Jahren.

Trotz behördlichen Verbots kamen am Todestag des „Stellvertreters“ von Adolf Hitler etwa 2.000 Nazis aus ganz Deutschland in Rudolstadt zusammen. Unter ihnen war auch das spätere NSU-Kerntrio. Die Polizei griff nicht ein, vielmehr nahm sie laut Zeitungsberichten 93 Teilnehmende einer Gegendemonstration fest.

Was soll ich denn machen, ich habe beim Ministerium Verstärkung angefordert, habe aber bis jetzt noch keine Rückmeldung erhalten.

Der Schauplatz Rudolstadt verweist darauf, dass die rechte Szene versuchte, sich nach der „Wiedervereinigung“ gerade im Osten Deutschlands bestimmte Räume zu erobern. Dabei waren nicht nur die größeren Städte, sondern insbesondere ländliche Regionen im Fokus. Während in den urbanen Zentren rechtsradikale Umtriebe immer wieder auch die Aufmerksamkeit der Behörden erregten, fanden sich in der Peripherie größere Freiräume. 

Organisiert wurde der „Gedächtnismarsch“ unter anderem von Thomas Dienel, der früher Mitglied der FDJ und der SED gewesen war, nun aber als Vorsitzender der Thüringer NPD fungierte.

Einem Journalisten gegenüber sagte Dienel, das Ziel der Aktionen sei es, „den Nationalsozialismus hoffähig [zu] machen.“ Er sagte auch: „Wir müssen Ausländer und Asylanten mit brachialer Gewalt bei Seite schaffen.“ Ende 1992 wurde er wegen fremdenfeindlicher und antisemitischer Äußerungen verurteilt und saß einige Zeit im Gefängnis. Ab 1995 arbeitete er als Informant für den Thüringer Verfassungsschutz und erhielt für seine Tätigkeiten insgesamt 25.000 DM, die er größtenteils für rechtsradikale Aktionen verwendete.

Zwei Reaktionen auf den Aufmarsch in Rudolstadt, die in einem Zeitungsartikel der taz zitiert werden, sind besonders bemerkenswert. Die eine stammt von einer Rentnerin, die den Marsch beobachtete. Sie sagte: „Wenn das die Einheit sein soll, dann pfeif' ich darauf.“

Das Zitat verdeutlicht das rasche Zusammenwachsen der neonazistischen Szenen von Ost und West. Aus der Perspektive der Rentnerin und vieler weiterer Ostdeutscher kamen Neonazismus und Rassismus „aus dem Westen“.

Obwohl auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR Anfang der 1990er Jahre bereits eine „bewegungsförmige rechte Subkultur“ vorhanden war, wurde diese tatsächlich von den etablierten, bestens vernetzten Akteuren aus der „alten“ Bundesrepublik auf vielerlei Weise unterstützt und gefördert.  Und bei den späteren Mordopfern des Kerntrios handelte es sich überwiegend um schon seit Jahrzehnten in der Bundesrepublik lebende Deutsch-Türken. Insbesondere dieser Hass auf Türk*innen kann spezifisch als „Westimport“ angesehen werden, geboren aus der fremdenfeindlichen Ablehnung sogenannter „Gastarbeiter“ in den 1980er Jahren.

Die zweite Reaktion stammt vom Einsatzleiter der Polizei vor Ort. Dieser richtete an die Veranstalter des Aufmarsches die Bitte: „Sorgen Sie dafür, daß dies hier nicht zum Problem wird.“

Es stellt sich die Frage, welches Problembewusstsein bei der Polizei überhaupt vorhanden war. Tatsächlich war es wohl nicht so, dass die Ordnungsbehörden den Anstieg rechter Gewalt in den 1990er Jahren nicht wahrnahmen, vielmehr waren sie schlicht davon überfordert.

Ganz ähnlich war die Situation wenige Wochen vorher bei den rassistischen Pogromen in Rostock-Lichtenhagen gewesen. Auch dort hatte die völlig unzureichend ausgerüstete örtliche Polizei dem gewalttätigen Mob nichts entgegensetzen können – und in vielen Fällen vermutlich auch nichts entgegensetzen wollen.

Der Jenaer Kriminalpolizist Thomas Matczak beschrieb die Lage im Interview mit der Journalistin Jana Simon 2016 im Rückblick so:
 

Wir Polizisten sind diesen Entwicklungen damals nicht nachgekommen. Wir sind von diesem Kriminalitätsphänomen überrannt und überrascht worden. Wir standen den Rechtsextremen hilflos gegenüber. Das ging wie eine Spirale immer schneller, immer höher.

Thomas Matczak, zit. nach Simon, Jana: Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert, Frankfurt a.M. 2019, S. 85.

Unter den immer selbstbewusster werdenden Neonazis verbreitete sich zu dieser Zeit die Parole „Taten statt Worte“. Sie kennzeichnete eine zunehmende Radikalisierung und Handlungsbereitschaft. Die Angriffsziele waren stets dieselben: Migrant*innen, Asylbewerber*innen und Mitglieder linker und antifaschistischer Gruppen. Entsprechend zieht die Politologin Andrea Röpke das Fazit: „Die 1990er Jahre waren gekennzeichnet von einer Aufrüstung der Szene“.

Denkmal für Magnus Poser auf dem Jenaer Nordfriedhof, Februar 1996, Privatsammlung/Foto: Frank Döbert
 

Fallbeispiel: Poser-Denkmal

1996 wurde das Denkmal für Magnus Poser auf dem Jenaer Nordfriedhof mit einem Hakenkreuz, der SS-Rune und dem Satz „Juden raus“ beschmiert. Die Täter*innen waren mutmaßlich das spätere NSU-Kerntrio. Doch warum suchten sie sich ausgerechnet dieses Denkmal aus? 

Ein Grund war sicherlich die Biografie Posers selbst: Magnus Poser war Kommunist und ein Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Ein zweiter Grund dürfte die Bedeutung des Denkmals in der DDR gewesen sein. Für den sozialistischen Staat war der antifaschistische Widerstand gegen den Nationalsozialismus ein Gründungsmythos. Ein Anschlag auf das Denkmal richtete sich daher auch direkt gegen die DDR selbst. Mit der Selbstbezeichnung „Nationaler Widerstand“ stellten sich die Täter*innen von 1996 in eine vermeintliche Tradition des Widerstands gegen herrschende politische Verhältnisse.

Nicht zuletzt könnte ein dritter Grund gewesen sein, dass Uwe Mundlos‘ frühere Schule nach Poser benannt war: die Polytechnische Oberschule „Magnus Poser“, die heutige Montessorischule in Jena-Nord.

Der Anschlag auf das Poser-Denkmal zeigt, wie wichtig und wie komplex der historische Hintergrund für die Taten des NSU war. Einerseits war der Bezug auf den Nationalsozialismus stets gegenwärtig, in Verbindung mit dem für die rechte Szene typischen Antisemitismus. Andererseits spielte bei der Auswahl dieses Angriffsziels mutmaßlich auch die DDR-Sozialisation der Täter*innen und deren Hass auf Linke und Kommunist*innen eine wichtige Rolle. 

Hierzu sagte Torsten Hahnel im Interview :

Es ist nie wirklich ernsthaft darüber nachgedacht worden, was heißt das denn eigentlich: Dass sich Leute, in dem Falle dann 40 oder 50 Jahre nach dem NS, positiv darauf beziehen. Was wollen die denn eigentlich? Es ist immer verharmlost worden.

Interview mit Torsten Hahnel am 25.11.2020

O-Ton Torsten Hahnel

Es stellt sich die Frage, warum sich die Täter*innen im September 1997 ausgerechnet das Theaterhaus in Jena für einen ihrer Anschläge aussuchten. Dort hatte kurz zuvor, im Juli und August, zum mittlerweile sechsten Mal die Kulturarena stattgefunden.

Die Veranstaltungen sprachen ein vorwiegend junges, aufgeschlossenes Publikum an und präsentierten viele internationale Künstler*innen, 1997 unter anderem aus Kuba, Algerien, Kamerun, Israel und dem Kongo. Nur wenige Wochen später wurde am Veranstaltungsort auf dem Theaterplatz der Koffer mit Sprengstoff gefunden.

Programmheft der 6. Kulturarena Jena, 1997

Eine direkte Verbindung zwischen Kulturarena und Bomben­attrappe kann im Nachhinein nicht nachgewiesen werden. Sicher ist jedoch: Das Theater stand und steht für die „andere“, bunte Seite Jenas und ist damit ein Feindbild der rechten Szene. Neben den historischen Bezügen, die bei dem Anschlag am Poser-Denkmal deutlich wurden, hatten die Taten des NSU auch einen starken Aktualitätsbezug. Der Hass der Neonazis richtete sich gegen ganz aktuelle Entwicklungen in den 1990er Jahren: gegen Weltoffenheit, gegen Einwanderung und Integration, gegen eine vielfältige Gesellschaft.

Weitere Anschläge und die Reaktion der Behörden

Die Kombination aus historischen und aktuellen Bezügen zeigt sich auch an den weiteren Angriffszielen. Im April 1996 wurde an der Autobahnbrücke eine aufgehängte Puppe mit einem gelben „Judenstern“ gefunden. Im Oktober 1996 tauchte eine Bombenattrappe im Ernst-Abbe-Stadion auf. Zum Jahreswechsel 1996/97 wurden Briefbomben-Attrappen an die Redaktion der Thüringischen Landeszeitung, die Stadtverwaltung und die Polizeidirektion Jena geschickt. Zu Weihnachten 1997 wurde, erneut am Poser-Denkmal, eine Holzkiste mit aufgemaltem Hakenkreuz gefunden. Diesmal war sie leer.

Nicht zuletzt Organisationen und Vereine wie The Voice, Asyl e.V., die Junge Gemeinde, Opferberatungsstellen und engagierte Einzelpersonen, die an den vorhergehenden Stationen des Rundgangs vorgestellt wurden, haben immer wieder auf rechte und rassistische Gewalt hingewiesen. Dennoch reagierten die Politik und die Behörden erst spät und unzureichend.

Am 26. Januar 1998 wurden in Lobeda und Winzerla mehrere Garagen durchsucht, unter anderem die von Beate Zschäpe. Dennoch konnte das Kerntrio untertauchen: Böhnhardt war während der Durchsuchung sogar vor Ort, wurde aber von der Polizei nicht am Wegfahren gehindert. Kurz darauf wurden in Zschäpes Garage vier funktionsfähige Rohrbomben mit insgesamt fast 1,4 Kilogramm TNT-Sprengstoff gefunden.

Bei der Garagendurchsuchung im Januar 1998 gefundene Gegenstände, Privatsammlung/ Foto Frank Döbert

Zwei Tage später erging Haftbefehl gegen die drei „Bombenbastler von Jena“ wegen der Herstellung der „Theaterbombe“. Öffentlich wurden sie jedoch erst zwei Wochen später, am 12. Februar 1998, zur Fahndung ausgeschrieben. Am Tag darauf schrieb die Leipziger Volkszeitung im Rückblick über die langsame Reaktion der Behörden:

Als im April 1996 eine Puppe mit gelbem Davidstern an einer Autobahnbrücke bei Jena gefunden wurde, ging noch jeder von einem Einzelfall aus. Auch die Tatsache, daß die Puppe mit Drähten verbunden war, die an einem Pappkarton endeten, führte eher zu Verwirrung denn zu ernsthafter Sorge. Thüringen, so hieß es, werde als zentral gelegenes Bundesland gern von Rechtsextremen als Aufmarschplatz benutzt; an eine ernste Gefahr glaubte keiner.

„Neo-Nazi-Szene wächst seit Jahren“, Leipziger Volkszeitung, 13. Februar 1998.

Zwar sprach nach den Funden in den Garagen selbst Helmut Roewer, der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV), von einer „neuen Qualität der Gewaltbereitschaft“. Rechte Gruppierungen und Organisationen wurden nun häufiger verboten. Doch dies führte teilweise nur zu einem Rückzug der Rechtsterroristen in informelle Strukturen oder in den Untergrund – wo ihnen weiterhin große Schutzräume zur Verfügung standen.

Gerade der Blick auf Helmut Roewer zeigt, dass die tatsächliche Gefahr unterschätzt wurde. Unter seiner Leitung warb das LfV auch weiterhin V-Personen (Vertrauenspersonen) aus der rechten Szene an und zahlte diesen großzügige Honorare.

Für die rechtsradikalen Akteure ging es bei Aktionen wie der Platzierung der Bombenattrappe am Theaterplatz darum, symbolische Zeichen zu setzen. Sie zeigten, zu welchen Mitteln sie potentiell greifen würden. So versuchten sie, die Betroffenen einzuschüchtern, Räume zu besetzen und Angstzonen zu schaffen. Möglicherweise sollte auch die Stadtbevölkerung insgesamt verängstigt und so vom Besuch bestimmter Orte, etwa des Theaterhauses, abgehalten werden.

Angstzonen entstanden jedoch nicht von einem Tag auf den anderen. Einzelne Ereignisse, so zeigen Interviews mit Zeitzeug*innen, riefen nur selten große Wirkung hervor. Diese entstand vielmehr gerade dadurch, dass es nicht bei rechtsterroristischen Einzelfällen blieb. Die Vorfälle in Jena waren nur ein Teil einer langen Linie von Angriffen auf Migrant*innen, von Hoyerswerda über Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen, die von Teilen der jeweiligen Stadtbevölkerung mitgetragen wurden.

Erst in Kombination mit der überforderten oder gleichgültigen Reaktion der Ordnungsbehörden und der Gesellschaft konnten die Taten der Rechtsterrorist*innen ihr bedrohliches und ausgrenzendes Potential entfalten. Im Interview berichtet die ehemalige Ausländerbeauftragte der Stadt Jena, Margot Eulenstein :

[…] Von Ausländern an mich herangetragen worden ist die zunehmende Angst nach den Vorfällen in Rostock und Hoyerswerda, wo die Heime brannten und Ausländer dann sagten, ja diese Brandanschläge kommen ja immer näher, immer südlicher. Also, dass da schon eine Angst war, die zum Greifen war und wo man sich überlegte... ja, sollen wir nun noch bleiben, oder sollen wir tatsächlich ausreisen?

Interview mit Margot Eulenstein am 16.12.2020

O-Ton Margot Eulenstein

Text: János Varga