Alter Paradiesbahnhof Paradiesbahnhof

Der Paradiesbahnhof vernetzt als Knotenpunkt die Innenstadt mit außerhalb gelegenen Orten. Bahnhöfe, Schienen, Bushaltestellen und Fahrpläne symbolisieren Verbundenheit, aber auch die Distanz zwischen den verschiedenen Stadtteilen und dem Umland.

Öffentliche Verkehrsmittel als gefährliche Orte

Straßenbahnen und Busse sind die Verbindungslinie durch die Stadt, auf die tausende Leute täglich angewiesen sind. Dabei wurden und werden Straßenbahnen und Busse immer wieder zu gefährlichen Orten und Angstzonen für Menschen, die aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Sprache von Rechtsradikalen angegriffen und von Umstehenden nicht geschützt werden.

In Jena sind für die neunziger Jahren zahlreiche Übergriffe auf Migrant*innen und sichtbar linke Jugendliche in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf Bahnhöfen dokumentiert.

Die Straßenbahnwaggons waren damals nicht verbunden und konnten, war man einmal zu den falschen Menschen eingestiegen, eine Falle werden. Zeitzeug*innen berichten, dass sie ihr Straßenbahnabteil sorgfältig auswählten und manche Busse vorbeifahren ließen. Laut Margot Eulenstein, die Anfang der neunziger Jahre Ausländerbeauftragte der Stadt Jena war, sollten sich Ausländer*innen auf die Sitzplätze gleich hinter dem Fahrer oder der Fahrerin setzen.

Straßenbahn in Winzerla 1993, Privatsammlung/Foto: Steffen Hege

Ausschnitt einer Gewaltgeschichte

Angriffe in Jenaer Verkehrsmitteln von Februar bis August 2000

Im Februar 2000 sind innerhalb weniger Tage drei rechtsradikale Angriffe dokumentiert.  

16. Februar: Ein 14-jähriger Neonazi sticht am Busbahnhof einem anderen Jugendlichen mit einem Messer in den Bauch. 

19. Februar: Ein politisch bei The Voice organisierter Flüchtling aus Kamerun wird beim Aussteigen aus der Straßenbahn in der Leipziger Straße in Jena Nord von Neonazis verfolgt und bedroht. Er kann sich in seine Wohnung retten, aber die Verfolger trommeln noch lange gegen die Tür. 

23. Februar: Zwanzig Neonazis verfolgen und jagen vier Jugendliche, die am Westbahnhof auf einen Zug nach Gera gewartet hatten. 

Zwei Monate später nutzen Neonazis, die in Lobeda einen Mann aus Zaire vor seiner Wohnungstür mit einem Baseballschläger schwer verletzt hatten, die Straßenbahn, um unerkannt zu fliehen. Im August beleidigt ein Straßenbahnfahrer einen geflüchteten Passagier rassistisch, weil er vergessen hatte, seine Fahrkarte zu stempeln. Er greift ihn außerdem körperlich an.

Nicht nur Geschichte – Gewalt in der Erfurter Straßenbahn 2021

Eine schlimme Szene aus der Erfurter Straßenbahn löste Ende April in ganz Deutschland Entsetzen aus. In dem kurzen Video ist zu sehen, wie in Nazi einen jungen Syrer beschimpft und angreift, ohne von Passanten aufgehalten zu werden.

Die Fülle der dokumentierten Vorfälle deutet die Alltäglichkeit rechter Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln an.

Wer aber wohnte in den neunziger Jahren in Jenas Randgebieten und war, trotz der potentiellen Gefahr, auf die Straßenbahn oder den Bus angewiesen, um im Zentrum Ärzt*innen und Behörden zu besuchen oder zu arbeiten? 

Nachdenken über Zentrum und Peripherie – Räumliche Distanz 

Räumliche Distanzen waren in den neunziger Jahren in Jena, Thüringen und ganz Deutschland wichtig, weil verschiedenen Orten unterschiedlich viele Ressourcen zu Verfügung standen. Daraus entstanden Machtgefälle zwischen Zentren und den Randgebieten, der Peripherie.

Das Zentrum von Jena ist dort, wo Menschen Ressourcen finden, die sie brauchen: Kultur- oder Bildungseinrichtungen, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten, Behörden und Arbeitsplätze.

Wie wichtig räumlich Distanzen, eine Wohnung im Zentrum oder am Rand, in den neunziger Jahren waren, zeigt die Lebenserzählung von Samvel Babayan, der als ehemaliger Asylbewerber heute selbst eine Sammelunterkunft im Jenaer Spitzweidenweg leitet.

Samvel Babayan, Jena 2017, Foto: Andreas Mehlich

Samvel Babayans Geschichte – ein steiniger Weg ins Zentrum?

Samvel Babayan wuchs in Armenien in der damaligen Sowjetunion auf und arbeitete, als der Eiserne Vorhang fiel, in Weißenfels als Offizier der privilegierten Westtruppe der Sowjetunion. Als seine Kompanie 1993 die DDR verlassen sollte, entschied er sich, zu bleiben und einen Asylantrag zu stellen. In seiner Heimat schwelte ein Krieg um Bergkarabach.

Wie alle Asylbewerber*innen, die nach Thüringen kamen, musste Babayan mit seiner Familie zunächst in der zentralen Aufnahmestelle in Tambach-Dietharz leben, mitten im Gebirge des Thüringer Waldes, fern von der nächsten Stadt. 

Als die Familie als eine der ersten in die neue Unterkunft auf dem Jenaer Forst umverteilt wurde, war dies ein riesiger Schritt in Richtung Zentrum. Die Unterkunft war zwar wieder in einem Wald auf einem Berg, aber am Fuß des Berges lag das Zentrum der drittgrößte Stadt Thüringens, Jena.
 

Zentrale Aufnahmestelle in Tambach-Dietharz und Erstaufnahmeeinrichtung in Jena, Google Maps

Über seine Ankunft und das Leben auf dem Forst erzählte Babayan im Interview:

Wir waren erschrocken, als wir kamen und diese Mauer [gesehen haben], da war noch Stacheldraht und alles, und viele haben sich gefragt, so – schützen die uns vor jemandem, oder jemanden vor uns? Wir haben gedacht, die schützen jemanden vor uns, wahrscheinlich. Obwohl, zum Glück gab’s da keine Demonstrationen, weil es zu weit war, damit die Rechten da hochkommen.

Interview mit Samvel Babayan am 22.10.2020

O-Ton Samvel Babayan

Wenn wir Termine hatten in der Stadt, habe ich sehr oft beide Kinder durch Forst, Mädertal, Magdelstieg und runter bis zur Kinderklinik gefahren, und dann wieder hochgefahren. Die waren klein, also beide im Kinderwagen, und ich habe sie geschoben. Ein paar Mal nur hat der Heimleiter uns mit seinem Auto runtergefahren. Aber sonst mussten wir hoch und runter laufen. Da war ich fertig.

Interview mit Samvel Babayan am 22.10.2020

O-Ton Samvuel Babayan

Nachdem die Familie aus humanitären Gründen endlich eine immer wieder neu befristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen hatte, zogen sie so schnell wie möglich in die Stadt. Sie wohnten für kurze Zeit nahe am Zentrum in einem evangelischen Gemeindezentrum am Magdelstieg. 

Dann fand Familie Babayan über Umwege, wie so viele neuangekommene Menschen in Jena, Wohnraum in Winzerla. Wieder waren sie am Rand der Stadt gelandet. Diesmal fiel aber neben der räumlichen Distanz die soziale Distanz zum Zentrum ins Gewicht.

Erstaufnahmeeinrichtung im Forst, Jena Zentrum, Winzerla, Google Maps

Soziale Distanz

In Folge der postsozialistischen Transformation verschärfte sich wie in allen ostdeutschen Städten auch in Jena die sozialräumliche Spaltung. Die neuerbauten Plattenbaugebiete wurden zu Symbolen für die gescheiterten Versprechen des SED-Regimes.

Viele, die es sich leisten konnten zogen aus Winzerla und Lobeda weg, in neugebaute Eigenheime in der Ringwiese und in den Vororten oder in sanierte Altbauten im Zentrum.

Wohnformen in Jena

Die Gleichzeitigkeit der Umbrüche in allen Lebensbereichen war in den neunziger Jahren eine große Herausforderung. Biografische Brüche und Abstiegserfahrungen wurden überall durchlebt. Durch den Wegzug jüngerer und besser ausgebildeter Menschen traten Probleme in den Plattenbaugebieten aber räumlich konzentriert auf.

Soziale Segregation in Jena

SGB-II-Quoten, Bevölkerung und sozialer Segregationsindex in Bezug auf Innenstadtbereiche, Plattenbaugebiete und Vororte in Jena 2005-2014, in: Helbig, Marcel/ Jähnen, Stefanie: Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte? Trends und Analysen der Segregation in 74 deutschen Städten, WZB Discussion Paper, No. P 2018-001, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin 2018, S. 191

Das Sozialgesetzbuch II (SGB II) regelt die Leistungen, die der Staat arbeitslosen Menschen sowie den von ihnen abhängigen, erwerbsunfähigen Familienmitgliedern zahlt. Damit sind vor allem Empfänger*innen von Arbeitslosengeld II (Hartz IV) und von Sozialgeld (Familienangehörige, vor allem Kinder von Menschen die Arbeitslosengeld II beziehen) gemeint. Die SGB II-Quote gibt also in etwa an, wie viele Menschen ihren Lebensunterhalt nur mit staatlicher Unterstützung bestreiten können.

Ein Pädagoge, der damals in Winzerla arbeitete, erinnerte sich im Interview, dass viele Schüler*innen zuhause in ihren Familien mit Problemen kämpften. Zahlreiche Familien waren von der Wendezeit zerrüttet, viele Eltern alleinerziehend, Väter oder Mütter pendelten, Kinder erlebten die wirtschaftlichen Probleme hautnah mit.

In dieser Situation kam es zum Kontrollverlust gesellschaftlicher Ordnungsinstanzen im Stadtteil. Dadurch herrschten günstigere Bedingungen für rechtsradikale Vernetzung und Raumnahme. Rechte markierten durch physische Präsenz und Grafittis den Vorplatz der Kaufhalle und die Unterführung am Damaschkeweg als „ihr“ Gebiet. 

Einwohner*innen von Winzerla, die andere Einstellungen hatten, verhinderten die rechtsradikale Präsenz nicht oder nur in einzelnen Fällen, als zum Beispiel Akteur*innen der evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde rechtsradikale Grafittis in der Unterführung an der Haltestelle Damaschkeweg übertünchten.

Ursachen für ostdeutschen Rechtsradikalismus: DDR oder Transformation?

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer hat die oben benannten und andere Umstände als „soziale Desintegration“ beschrieben und als Hauptgrund für die rechtsradikale Gewalt Jugendlicher in Ostdeutschland angeführt.

Heitmeyers Theorie, derzufolge rechte Jugendliche vor allem Anerkennung und gesellschaftlicher Integration bedürfen, wurde in den neunziger Jahren zur Basis der Jugendarbeit mit Rechtsradikalen in Winzerla, die an der nächsten Station besprochen wird. 

Heitmeyer verkörpert mit seiner Theorie sozialer Desintegration eine der Positionen in dem Streit, ob rechte Gewalt in den neunziger Jahren eher auf Kontinuitäten aus der DDR (wie unzureichende Aufarbeitung aufgrund des Mythos des antifaschistischen Staates, Vertuschung des Problems rechter Gewalt durch das SED-Regime, Verharmlosung und Entpolitisierung als „Rowdytum“ u. a. ) oder auf die sozialen Brüche, existentielle Verunsicherung und Abwertungserfahrungen im Transformationsprozess nach 1989 zurückzuführen ist. 

Während die Verortung der Ursachen rechter Gewalt in Ostdeutschland in der Zeit vor 1989/90 es der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft ermöglicht, das Problem rassistischer Gewalt auf den ohnehin gescheiterten sozialistischen Staat zu projizieren, nutzen ostdeutsche Akteure den Verweis auf die Folgen der Transformation als Hauptursache rechter Gewalt zum Teil, um die westdeutsche Dominanz verantwortlich zu machen und eine kritische Selbstbefragung zu vermeiden. 

In diesem Stadtrundgang wollen wir Komplexität in der Suche nach Ursachen rechter Gewalt in Jena zulassen und begünstigende Faktoren sowohl vor als nach 1989/90 ergründen. 

Geteilte Peripherie

In Winzerla und Lobeda lebten mehr Menschen als in anderen Stadtteilen, die den Umbruch persönlich als Abstieg erfuhren und zusätzlich in ihrem Umfeld einen Verfall der öffentlichen Ordnung und geteilter Wertvorstellungen miterlebten. 

In Winzerla und Lobeda erfuhren mehr Menschen als in anderen Stadtteilen den Umbruch persönlich als Abstieg und erlebten zusätzlich in ihrem Umfeld einen Verfall der öffentlichen Ordnung und geteilter Wertvorstellungen. 

In Winzerla und Lobeda lebten aber auch viele zugewanderte Menschen, denn dort war preiswerter Wohnraum verfügbar. In Lobeda zum Beispiel entstand ein Zentrum der russlanddeutschen Community. 

Winzerla und Lobeda waren sozial prekäre, stellenweise sichtbar von Rechtsradikalen besetzte, aber eben auch migrantische Orte. Samvel Babayans Erinnerungen an seine Zeit in Winzerla in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre lassen erahnen, welche Belastung, sogar Gefahr, das Leben in geteilten Randgebieten für Migrant*innen bedeuten konnte :

Wir waren in der dritten Etage. Unter uns die zwei Etagen waren Nazis. [...] Das war furchtbar, als wir eingezogen sind, danach haben wir wieder angefangen, eine Wohnung zu suchen. Weil: Terror, Terror und Terror.

Interview mit Samvel Babayan am 22.10.2020

O-Ton Samvel Babayan

In Winzerla hatte ich wirklich Angst, alleine zu laufen

Weitere Erinnerungen Samvel Babayans an die Nachbarschaft in Winzerla

In Winzerla hatte ich wirklich Angst, alleine zu laufen. Komischerweise nur in unserem Eingang, in anderen Eingängen waren russische Leute, Spätaussiedler da. Alle waren nett. Und interessant war, wenn geschrien wurde in unserem Eingang oder es laut war: Keiner kam raus, um zu sehen, was los ist. Niemand, alle haben ihre Türen schön zugemacht, und das war’s. 

Interview mit Samvel Babayan am 22.10.2020

O-Ton Samvel Babayan

Und ich hatte einen Behindertenparkplatz direkt vorm Haus, nur wegen meiner Tochter. Jeden Abend, wenn ich von der Arbeit kam, stand da ein Auto. Jedes Mal. Erst klingelte ich, manche kamen raus, sind weggefahren, manche haben überhaupt nicht reagiert. Aus dem Fenster geguckt, dass ich da war, war egal. [Ich habe die Polizei gerufen]. Die kamen: ‚Sofort Ihre Dokumente!‘. Ich sage: ‚Ich habe sie gerufen.‘ ‚Ihre Dokumente!‘ Nach drei, vier Mal, kamen die Polizisten und sagten: ‚Rufen Sie uns nie wieder an. Wir sind nicht zuständig. Rufen Sie das Ordnungsamt.‘ Ich sage: ‚Abends, Ordnungsamt, das geht nicht. Wo soll ich hin?‘ ‚Ja, uns rufen Sie nicht an.‘ 

Interview mit Samvel Babayan am 22.10.2020

O-Ton Samvel Babayan

Stigmatisierende Erzählungen

Zu der sozialen Ungleichheit in der Stadt kamen im Verlauf der Transformationszeit Versuche hinzu, „bessere“ und „schlechtere“ Gegenden durch Vorurteile voneinander zu distanzieren. Das Branding der „Lichtstadt“ und „Boomtown“, dass sich Jena geschaffen hat, ist geografisch an die Innenstadt gebunden, an die Universität und den Uni-Turm, vielleicht noch an den neuen Campus von Carl-Zeiss.

Das Jena, in dem der NSU sich gründen konnte und seine Netzwerke hatte, liegt scheinbar an ganz anderer Stelle, in den Plattenbausiedlungen von Winzerla und Lobeda mit ihren Jugendclubs. Tatsächlich aber war das Bild komplexer und die ganze Stadt durchzogen von Angstzonen und Schutzräumen. Der Laden, aus dem die Hauptwaffe der Morde stammte, lag zum Beispiel nur einen Steinwurf von der Universität entfernt.

Fragen an unseren Blick auf die Stadt

Welche Orte in der Stadt werden von wem als Angsträume erzählt? Zu welchen Orten, an denen rechtsradikale Übergriffe stattfanden, kennen wir noch andere Geschichten und welche Orte werden auf Angst und Gewalt reduziert in den Erzählungen? 

Was assoziieren wir mit der Johannisstraße in der Innenstadt, die für Besucher*innen der Jungen Gemeinde Stadtmitte in den neunziger Jahren Dienstag abends eine Angstzone war? Welches sind verbreitete Assoziationen mit der Plattenbausiedlung Winzerla, in der Samvel Babayan zur selben Zeit von Nachbar*innen rassistisch bedroht wurde?

Die erzählte Distanz, also die Verschiebung des Problems rechter Gewalt auf einen abgelegenen Ort, betraf in dem bundesweiten Aufschrei nach der Selbstenttarnung des NSU auch Jena als gesamte Stadt. Die Boomtown Jena wurde zum „braunen Osten“. Das erleichterte der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft die Distanzierung von der jahrelang zugelassenen Gewalt.

Dönerimbiss als Angstzone?

Steven Uhlys Besuch in Jena im November 2011

Am 18. November 2011 sendete das ZDF-Magazin aspekte einen Beitrag, in dem der Münchener Schriftsteller Steven Uhly Jena besuchte. Er hat durch seinen bengalischen Vater eine Migrationsgeschichte. Von Kameras am Paradiesbahnhof und in der Jenaer Innenstadt begleitet, erzählt Uhly, dass er „den Osten“ als Angstzone wahrnehme und sich auch in der Universitätsstadt Jena nicht sicher fühle. Aus seiner westdeutschen Sicht stellt er die stadtinterne symbolische Spaltung in Lichtstadt und Plattenbauviertel in Frage. 

Samvel Babayan, der inzwischen selbst ein Asylheim in der Jenaer Schulstraße leitet, kommentierte im Interview:

Als diese NSU-Geschichte rauskam, kam ein Reporter nach Jena und hat einen Film gedreht, und so ängstlich war er über Jena, ein türkischer Reporter war er, aus dem Westen kam er. ‚Oh, jetzt bin ich in Jena, jetzt habe ich Angst‘ und so. Ich war so wütend. [...] Er sitzt in einem türkischen Imbiss und hat Angst. Wenn er Angst haben müsste, so in einer Nazistadt, wieso gibt es so viele Döner und Asiaten [...]? Und er sitzt, trinkt seinen Tee da, isst seinen Döner und sagt: ‚Ich habe Angst. Ich bin froh, [wenn] ich hier weg bin.‘ Das war sehr, sehr fakemäßig gedreht.

Interview mit Samvel Babayan am 22.10.2020

O-Ton Samvel Babayan

Was ihn, als jemanden, der schon lange in Jena wohnte und viele Erfahrungen mit rechter Gewalt gemacht hatte, an der Reportage so wütend machte, war, dass der Reporter sich ausgerechnet in einem türkischen Imbiss, einem migrantischen Ort im Stadtraum, von rechter Gewalt bedroht fühlte. 

Der Reporter übersah, dass dieser Ort für Babayan ein Schutzraum war, in einer Stadt, die viele Angstzonen bereithält. Die Pauschalität des Beitrags machte Babayan, genauso wie viele andere Jenaer, wütend. Uhly distanzierte sich später von dem „undifferenzierten Beitrag“.

Text: Emilia Henkel